Die Synthese von Landschaft, wie sie in den westlichen Niederlanden seit dem neunten Jahrhundert betrieben wird, wirft zwei Probleme auf: Ein Problem der Einteilung: wie kann man massloses, unschlächtiges, wüstes Land vermessen, einrichten, besiedeln? Ein Problem der Verteilung: wie kann man die Strömungen und Wirbel des Wassers ablenken, verlangsamen oder beschleunigen?
Die Techniken, Strategien und Institutionen - die Wissenschaften - welche sich an diesen zwei Problemen kristallisieren stehen in einem Spannungsverhältnis. Manchmal gehen sie ineinander über, manchmal entstehen komplexe Differenzen, man kann sie aber auch in einfachen Vergleichen gegenüberstellen: Die einteilende "Wissenschaft vom Land" grenzt mit Hilfe eines Koordinatensystemes einen metrischen Raum ein. Sie organisiert Material aufgrund von Formen. Sie ordnet das Kleine dem Grossen unter. Sie drängt das Unvorhersehbare zurück ins Flackern der kleinsten Rasterfelder. Die verteilende "Wissenschaft vom Wasser" dagegen spannt mit lokalen Richtungsänderungen einen direktionalen Raum auf. Sie lässt Formen aus dem Spiel der Kräfte im Material entstehen. Sie entfesselt mit kleinen Eingriffen weitreichende Umwälzungen. Sie kennt keine Sicherheit, bloss Wahrscheinlichkeiten.
Vielleicht findet sich ein Widerhall dieses Spannungsverhältnisses in der administrativen Scheidung, welche die grossen Umwälzungen der niederländischen Landschaft im zwanzigsten Jahrhundert begleitete: Auf der einen Seite bemühte sich der Apparat des Wohlfahrtsstaates mit seiner humanistischen und sozialdemokratischen Tradition um Raumplanung und sozialen Wohnungsbau, um die ordnende Einteilung der Landschaft. Auf der anderen Seite trieb eine technokratische Maschinerie mit Unterstützung wirtschaftlicher Lobbies jenseits moralischer Bedenken grosse wasserbauliche und infrastrukturelle Werke - den Ausbau des Autobahnnetzes beispielsweise -voran. Die Auswirkungen jener Eingriffe entzogen sich oft der Kontrolle der Raumplanung, unterwanderten manchmal selbst ihre erklärten Absichten.
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Publikation: Werk, Bauen und Wohnen 10/1997
Der Weg der Nomaden hat, auch wenn er Pisten oder gewohnten Pfaden folgt, nicht dieselbe Funktion wie der Weg der Sesshaften, der dazu bestimmt ist, einen geschlossenen Raum unter den Menschen aufzuteilen, jedem seinen Anteil zuzuweisen und die Verbindung zwischen den Teilen zu regulieren. Ganz anders der nomadische Weg: er verteilt die Menschen (oder Tiere) in einem offenen Raum, der nicht definiert und nicht kommunizierend ist.
Gilles Deleuze und Félix Guattari, Tausend Plateaus


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